Mittwoch – 25.09.2019

15.30 – 17.30

S1.01: AG-Treffen

Zeit: 15.30 – 17.30
Ort: Hörsaal H 80, Philosophikum; 159 Plätze

15.30 – 16.30
AG Auditive Kultur & Sound Studies
Ania Mauruschat

16.30 – 17.30
AG Affective Media Technologies
Bernd Bösel, Serjoscha Wiemer

S1.02: AG-Treffen

Zeit: 15.30 – 17.30
Ort: Seminarraum S 93, Philosophikum; 68 Plätze

15.30 – 16.30
AG Comicforschung
Véronique Sina

16.30 – 17.30
AG Medienwissenschaft und politische Theorie
Christoph Büttner

S1.03: Von der Materialität der Medien zur Medialität der Materialien

Zeit: 15.30 – 17.30
Ort: Seminarraum S 89, Philosophikum; 44 Plätze

Chair: Gabriele Schabacher (Johannes Gutenberg-Universität Mainz)

Während die Materialität der Medien fester Bestandteil medientheoretischen Denkens ist, ist umgekehrt selten nach der Medialität der Materialien gefragt worden. Bei näherer Untersuchung offenbaren sich konkrete Materialien keineswegs bloß als persistente Träger von Ideen und Zeichen, sondern als mediale Akteure mit großer Wirkmächtigkeit. Über ihre Rolle in den großen Narrativen der Mediengeschichte hinaus entfalten Materialien so ihre eigenen Geschichten.

Aus dieser Perspektive rücken folgende mediale Facetten des Materials ins Zentrum des Interesses: Erstens führt der Weg zu jedem Materialwissen immer über andere Materialien. Ein Material definiert sich als Bündel von Eigenschaften, welche sich lediglich aus den Reaktionen ableiten lassen, die dieses Material in einem anderen Material hervorruft. Zweitens entfalten Materialien ihre Wirkung besonders in Konstellationen, in denen sie sich als widerspenstig erweisen und so folgenreiche Dynamiken in Gang setzen. Wissenschaftler, Techniker und Künstler finden sich rasch in einem explorativen Prozess wieder, in dem vormals unbekannte Materialeigenschaften Arbeitsverlauf und -ergebnis bestimmen. Drittens werden Materialien im Zuge dessen zu Vermittlern zwischen unterschiedlichsten institutionellen und geografischen Bereichen. So basierten beispielsweise die vielfältigen elektronischen Technologien des 20. Jahrhunderts im Kern auf denselben Leichtmetallen und seltenen Erden, zu deren Bedarfsdeckung sich gewaltige Versorgungsnetze über den Planeten ausbreiteten.

Entlang dieser Leitgedanken widmet sich die Sektion der Untersuchung konkreter historischer Zusammenhänge in Wissenschaft, Technik und Kunst, in denen die Medialität der Materialien besonders zum Tragen kommt: Selen in optischen und akustischen Wahrnehmungsmaschinen zwischen 1880 und 1920, Seidenpapier in den Briefkopierbüchern um 1900, Textil und Papier in den falt- und klappbaren Bildträgern des Mittelalters und Blut in der Apparatemedizin des 20. Jahrhunderts.

Beiträge des Symposiums

Wenn die Sonne nicht nur lacht, sondern auch hustet und singt, hat sich in der Wahrnehmung etwas grundlegend verschoben. Grund dafür sind aber nicht, wie man vielleicht meinen könnte, pharmakologische Experimente, sondern medientechnische, und zwar mit dem lichtempfindlichen Halbmetall Selen. Dieses Material ist zwischen 1873 und 1930 nicht nur die Grundlage von bildbasierten Technologien wie der Bildtelegrafie oder dem frühen Fernsehen, sondern findet auch in einem wenig erforschten Grenzgebiet von Optik und Akustik Anwendung, das von Lichttelefonen, Farbe-Ton-Wandlern und Blindenlesegeräten bevölkert ist. Hier, irgendwo zwischen Schall und Licht, verschwimmen auch die Grenzen von Technik und Kunst, von bastelnder Praxis und erfinderischer Technikträumerei. Das verbindende Element, was alles das gerade so zusammenhält, ist das Material selbst – das Selen. Der Vortrag verfolgt das Material von den Werkstätten des amerikanischen Erfinders Alexander Graham Bell über die Blindenlesemaschine des Iren Edmund Edward Fournier d’Albe bis ans Bauhaus zu László Moholy-Nagy und dem Dadaisten Raoul Hausmann. Dabei eröffnet die Materialgeschichte des Selens neue Perspektiven auf das Verhältnis von Kunst und Technik, auf die kreativen Prozesse in den beiden Gebieten und nicht zuletzt auf die Rolle, die das Material dabei spielt..

Die Kulturtechnik des Kopierens von Briefen in Bücher geht als eine archivierende Praktik zurück auf das erste Allgemeine Deutsche Handelsgesetzbuch von 1862, das alle Kaufleute dazu verpflichtete, ihre versandte Handelskorrespondenz gesondert aufzubewahren. Insbesondere in der Zeitspanne zwischen 1800 und 1900 fingen aber auch diverse private Briefeschreiber*innen, wie Richard Dehmel oder Aby Warburg an, über ihre Korrespondenz gesondert buchzuführen. Solche selbstverwalteten Kopierpraktiken werden seit 1780 zunehmend durch ein Nasskopie-Verfahren realisiert, wobei die mit einer speziellen Kopiertinte geschriebenen Briefe befeuchtet und auf ein anderes Trägermedium abgepaust werden. Neben so entstehenden Lose-Blatt-Sammlungen wurden die Briefe auch in dafür vorgesehene Bücher kopiert, was solche Briefkopierbücher gleichermaßen zum Medium des Kopierens, wie auch zum Medium der Kopien werden lässt. Briefkopierbücher und ihre Technik des Nasskopie-Abklatsch-Verfahrens sind in Forschung und gesellschaftlicher Wahrnehmung derzeit kaum repräsentiert. Dabei lässt sich an diesen Objekten, hervorgehend aus einer experimentellen Phase der (Brief-)Kopiersysteme eine signifikante Medialität ihres Materials feststellen, der über einen philologischen Ansatz hinausgeht, durch noch vorhandene Briefkopierbücher primär den Text verlorengegangener Originalbriefe zu rekonstruieren. Vielmehr interessiert sich eine medienkulturwissenschaftliche Untersuchung von einem historischen Objekt Briefkopierbuch für die Entfaltung der ihm inhärenten Kulturtechniken (des Kopierens, Kompilierens, Annotierens oder Kassierens), die im Briefkopierbuch auf ganz spezifische, ungewohnte Materialien (Seidenpapier, Eisengallustinte) treffen. Der konzipierte Vortrag stellt konkrete Beispiele im Spannungsfeld zwischen den Materialien und Kulturtechniken von Briefkopierbüchern vor und zeigt auf, inwiefern sich explizit ausgehend von einer Medialität des Materials verschiedenste Plateaus der medientheoretischen Forschung eröffnen.

Falten und Klappen – das sind Praktiken sowohl durch als auch mit Materialien. Vor allem aber sind es Prozesse, bei denen das Material als Medium produktiv mitwirkt. Was geklappt, gefaltet, drapiert oder geknickt werden kann, zeigt, dass das Material nicht nur als neutraler Träger fungiert, sondern bestimmte Interaktionen hervorruft, anregt oder auch behindern kann. Durch ihre Falt- und Wandelbarkeit erweisen sich Papiere und Textilien als besonders geeignete Materialien, denn sie sind flexibel und formbar, nachgiebig und invariant, erlauben eine direkte Bearbeitung und respondieren unmittelbar auf ausgeführte Handlungen. Diese mannigfachen Qualitäten sind es, die dazu verleiten, Papier sowie Textil nicht allein als Aufzeichnungsmedien zu verwenden, sondern sie im künstlerischen Prozess in ihrer Materialität zu manipulieren, zu deformieren und zu transformieren.

Ausgehend von der Falte bzw. dem Falz, die sowohl für das Medium Buch konstitutiv als auch unabdingbar in den klappbaren Bildträgern wie Dip- und Triptychen sind, versammelt der Beitrag Bildobjekte, die sich nicht länger als einheitliche, plane Fläche darbieten. Vielmehr lassen sie sich als tiefenräumliche Anordnungen verstehen, die sich allererst im Prozess der Ent-faltung erschließen und so unmittelbar mit der konkreten Materialität des Objekts verbunden sind. Von wesentlicher Bedeutung sind dabei medientheoretische Fragen um die durch das Falten und Klappen zum Sprechen kommende Produktivität von Papier und Textil in seinen materiellen und medialen Aspekten, die anhand exemplarischer Fallstudien falt- und klappbarer Bildträger des Mittelalters beleuchtet werden soll. Inwiefern ist das Material nicht nur bloßes Tragwerk, sondern aktiver, verknüpfender und die Verhältnisse verschiebender Handlungsträger?

Kaum ein Stoff verfügt über eine so symbolträchtige Kulturgeschichte wie Blut. Doch auch jenseits seiner Symbolkraft verschaffte sich der sagenumwobene „Lebenssaft“ zunehmend in seiner spezifischen Materialität Geltung. Besonders im Laufe des 20. Jahrhunderts bahnte sich das Blut seine Wege in neue Milieus: Anstatt in Adern, Herzkammern und Lungenflügeln floss es nun mit zunehmender Häufigkeit auch durch Schläuche, Reservoirs und Zentrifugen. Einer der Hauptgründe hierfür war ein wachsendes medizinisches Interesse an seiner Konservierung, Aufbereitung und Transfusion zum Zweck chirurgischer Eingriffe. Als lebendige Flüssigkeit mit besonderen Strömungseigenschaften und sensiblen Bestandteilen widersetzte sich Blut allerdings immer wieder hartnäckig seiner Handhabung. Dies veranlasste Ärzte beispielsweise, ungewöhnliche Materialkombinationen zu erproben und Kooperationen mit der Industrieforschung einzugehen. Blut entwickelte sich so zum Konvergenzpunkt heterogener Entitäten. Der Vortrag untersucht exemplarisch, wie spezifische Materialeigenschaften des Blutes ihre Wirkung in der medizinischen Experimentalpraxis entfalteten und damit prägenden Einfluss auf die Herausbildung von Praktiken, Maschinen und Infrastrukturen der modernen Apparatemedizin ausübte.

S1.04: Materialien der Drehbuchforschung

Zeit: 15.30 – 17.30
Ort: Seminarraum S 56, Philosophikum; 57 Plätze

Chair: Patrick Vonderau (Martin-Luther-Universität Halle-Wittenberg)

Die Drehbuchforschung ist ein junges, international äußerst produktives und vielseitiges Feld (vgl. Batty und Baker 2018), das auch im deutschsprachigen Raum auf lose Traditionen zurückblicken kann (vgl. z.B. Kasten und Plattner 1994), in einem Groß der aktuellen Medienwissenschaft aber nur wenig Beachtung findet. Unser Panel wird die Drehbuchforschung genauer erkunden, indem es, anhand von exemplarischen Analysen, deren heterogene Materialien in den Blick nimmt. Diese beschränken sich keineswegs auf das vermeintlich finale Drehbuch selbst oder dessen dramaturgische Form, sondern umfassen verschiedene Texte aus unterschiedlichen Entwicklungsphasen einschließlich schriftlicher und mündlicher Anmerkungen. Neben dem audiovisuellen Text, den das Drehbuch in den meisten Fällen vorgeben soll, geraten so ein heterogenes Ensemble materieller und immaterieller Artefakte als auch kollaborative und netzwerkartige Produktionsabläufe in den Fokus der Forschung. Mit Schnittstellen zu Media Industry / Production Studies können Drehbuchpraktiken und deren materiellen Bedingungen untersucht werden. Die Panelbeiträge beinhalten entsprechende ethnografische Zugänge zu Akteur*innen der Drehbuchentwicklung, aber auch literaturwissenschaftliche und filmhistorische. Diese Betrachtungen sind zu kombinieren, um der spezifischen Materialität des Drehbuchs gerecht zu werden.

Batty, Craig; Baker, Dallas J. (2018): Screenwriting as a Mode of Research, and the Screenplay as a Research Artefact. In: Craig Batty und Susan Kerrigan (Hg.): Screen Production Research. Creative Practice as a Mode of Enquiry. Cham, S. 67–84.

Kasten, Jürgen; Plattner, Eva H. (1994): Film schreiben. Eine Geschichte des Drehbuches. Wien.

Beiträge des Symposiums

Filmmanuskripte schreiben sich in einer komplexen Operationskette über die arbeitsteilige Filmproduktion in den Film ein, mehr noch, sie schreiben als das vermeintliche Initialisierungs-Objekt solche Operationsketten vor. Auf flächigen Papierseiten ist ‚etwas‘ mit Schriftnotationen entworfen, das dann in aufwändige Praktiken mit technischen Medien in ‚etwas‘ übersetzt zu werden hat, das wiederum zu einem Film führt, der auf einer zweidimensionalen Leinwand Zeitabläufe vollzieht. Historisch-praxeologisch gesehen gelingen diese Prozesse offenbar sehr gut, wird doch seit weit über 100 Jahren Film vorgeschrieben: Schrifttexte in jeglicher Form sind etablierter Bestandteil der Produktionsabläufe – und das mit Blick auf das Produkt „Film“ auch sehr erfolgreich.

Welche Möglichkeiten und Grenzen des Schrift-Materials einer Film-Vorschrift (eher „Präskription“ (Akrich 1994), eher „Programm“ (Flusser)?) innewohnen, soll anhand von Moholy-Nagys „Dynamik der Gross-Stadt“ von 1925 diskutiert werden, das nicht den konventionellen Mustern der zeitgenössischen Drehbücher entspricht und gerade dadurch den analytischen Blick auf deren Funktionsweisen schärfen kann. Moholy-Nagys Arbeit, die er selbst nie in einen Film übersetzen konnte, ordnet Schrift in verschiedenen Registern an und ergänzt oder kontrastiert diese mit anderen Ordnungen wie Flächen, Tönungen, Piktogrammen, Zahlen, diagrammatischen Zeichen sowie Fotografien. So ergibt sich ein „Versuch“ (Moholy-Nagy 1925) über das Filmmanuskript für die Weimarer Republik und darüber hinaus als Ansatz für eine Art ‚Medienreflexion‘ des Drehbuchs als Material.

Akrich, Madelaine: The De-Scription of Technical Objects. In Bijker, Wiebe E. / Law, John (Hg.) (1994): Shaping Technology / Building Society. Studies in Sociotechnical Change. Massachussets, S. 205–224.

Akrich, Madelaine / Latour, Bruno (2006): Zusammenfassung einer zweckmäßigen Terminologie für die Semiotik menschlicher und nicht-menschlicher Konstellationen. In Belliger, Andréa / Krieger, David J (Hg.): ANThology. Ein einführendes Handbuch zur Akteur-Netzwerk-Theorie. Bielefeld, S. 399–405.

Flusser, Vilém (1992): Die Schrift. Hat Schreiben Zukunft? Frankfurt am Main, S. 51–57.

Moholy-Nagy, László (1925): Die Dynamik der Gross-Stadt. In Ders.: Malerei, Photographie, Film (=Bauhausbücher 8). München, S. 114–129.

Kontrakt ’18, die Initiative und Selbstverpflichtung deutschsprachiger Drehbuchautor_innen, bildet den bisherigen Höhepunk der Kritik an der Position von Autor*innen in der deutschen Film- und Fernsehindustrie. Mein Beitrag möchte zentrale Charakteristika dieser Branchen-Aushandlungen zur Drehbuch-Entwicklung und Autor*innen-Position herausarbeiten, die mit dem Wertungsdiskurs zur ‚Qualitätsserie‘ einhergehen. Drehbuchforschung wird so nicht nur als Auseinandersetzung mit schriftlichen Materialien der Drehbucherstellung verstanden, sondern auch als Analyse der Tätigkeiten von Drehbuchautor*innen und ihrer industriellen Kontexte. Hier zeigen sich deutliche Schnittstellen zu den Media Industry / Production Studies (vgl. u.a. Vonderau 2013). Ausgehend von den Textsorten, die Caldwell (2008: 346ff.) für dieses Forschungsfeld differenziert hat, nennt der Beitrag verschiedene Materialien, mit denen sich die begonnene Drehbuch- und Produktionsforschung zur deutschen Fernsehserien-Industrie beschäftigt: insbesondere das Expert*innen-Interview, die teilnehmende Beobachtung bei Branchenworkshops sowie öffentliche Statements wie eben Kontrakt ’18. Für die Kategorisierung dieser Materialien erweist sich das Konzept des Produktions- und Projeknetzwerks (Windeler/Lutz/Wirth 2001) als instruktiv, werden in Zusammenhang mit dem ‚Qualitätsserien‘-Diskurs und Kontrakt ’18 doch Kooperationen in der Drehbucherstellung, etwa zwischen Autor*in und Regie, neu ausgehandelt. Vermeintlichen Wegen der ‚Qualitätsserien‘-Entwicklung in den USA und anderen Märkten folgend, trägt der Branchendiskurs deutlich transnationale Züge. Auf den Showrunner, den Hybrid aus Autor*in und Produzent*in, rekurrierend, loten die untersuchten Praktiker*innen auch Grenzen der Drehbucharbeit aus. Wenn, wie eingefordert, Drehbuch-Autor*innen stärkeres Mitspracherecht während des Drehs erhalten, weiten sich die Materialien aus, die ihre Arbeit bestimmen und die eine Drehbuchforschung beleuchten kann.

Caldwell, John Thornton (2008): Production Culture. Industrial Reflexivity and Critical Practice in Film and Television. Durham, N.C.

Vonderau, Patrick (2013): Theorien zur Produktion: ein Überblick. In: montage AV, 22 (1), S. 9–32.

Windeler, Arnold; Lutz, Antje; Wirth, Carsten (2001): Netzwerksteuerung durch Selektion. Die Produktion von Fernsehserien in Projektnetzwerken. In: montage AV, 10 (1), S. 91–124.

Im Gegensatz zur Auffassung über das Drehbuch als ein ephemeres Objekt, das im Prozess der Filmproduktion „verschwindet“ (Jean-Claude Carrière 1995: 148) oder „verbrennt“ (Brunow 1991: 26), macht die Publikation das Drehbuch als materielles Produkt des kreativen Schreibens sichtbar. Während die Forschung v.a. die engeren wissenschaftlichen Kreise auf das Drehbuch aufmerksam zu machen vermag, wird es erst durch die institutionalisierte Publikation in Buchform in bestehende soziokulturelle Strukturen eingeschrieben und kann dadurch auch die Aufmerksamkeit der breiteren Öffentlichkeit gewinnen.

Gleichzeitig aber kaschiert die Publikation des Drehbuchs die Prozessualität und Materialität dessen Schreibens, durch die erst solche entscheidenden Aspekte der Filmproduktion wie z.B. kollektives Schaffen, evtl. mangelnde Credits, Improvisation beim Dreh sowie der industrielle Rahmen der Kreativität in den Vordergrund rücken (MacDonald 2013: 15-18; Price 2010: 13-20). Während die Publikation also das Drehbuch in eine Reihe mit etablierten Kunst- bzw. Literaturformen stellen kann, schleppt sie gleichzeitig deren viel kritisiertes Erbe mit, das u.a. Kanonisierungstendenzen, starke Autorzentrierung und starre Kriterien des Ästhetischen einschließt. Dass das Sichtbarmachen des Drehbuchs potentiell als kritisches „Antidot“ gegen eben genau diese Problemkonstellationen dient, kann als das Paradox des publizierten Drehbuchs betrachtet werden.

Teilweise wäre dieses Paradox durch diverse editorische Strategien aufzulösen, die das Drehbuch im Werden eher als ein statisches Werk hervorheben, und in diesem Vortrag exemplarisch diskutiert werden. Letztendlich ist es aber genau diese Ambiguität des Veröffentlichungsaktes, die das Drehbuch zu einer möglichen Vermittlungsinstanz zwischen dem „alten“ Medium Buch und dem zeitgenössischen Fokus auf Performativität jeglicher Kunstformen machen kann.

Brunow, Jochen (1991): Eine andere Art zu erzählen. In: Brunow, Jochen (Hg.): Schreiben für den Film: das Drehbuch als eine andere Art des Erzählens. München: edition text + kritik, S. 7–39.

Carrière, Jean-Claude (1995): The Secret Language of Film. Übersetzt von Jeremy Leggatt. London.

MacDonald, Ian W. (2013): Screenwriting Poetics and the Screen Idea. Basingstoke.

Price, Steven (2010): The Screenplay: Authorship, Theory and Criticism. Basingstoke.

Die Analyse von Drehbüchern beschränkt sich oftmals auf die narrative Struktur bzw. Dramaturgie, den Dialog oder die Figurenentwicklung. Akustische und musikalische Aspekte des Films werden in Drehbüchern gerne übersehen und allgemein eher der Postproduktion zugeordnet. Dabei ist Ton und insbesondere Musik ein wichtiges Mittel der filmischen Erzählung, welches auch in Drehbüchern seinen Platz findet.

Am Beispiel des österreichischen Drehbuchautors und Oscargewinners Walter Reisch ist die große Rolle der Musik und von Musiknummern zu studieren, die diese für das Genre des deutschsprachigen Musikfilms der 1920er und 30er Jahre, aber auch für die Denk-und Schreibweise dieses Autors hatte.

An diesem Beispiel kann einmal mehr demonstriert werden, dass Drehbuchforschung sich nicht auf die Analyse von Erzählstrukturen beschränkt, sondern Drehbuchschreiben als Prozess des Filmemachens sieht und das Drehbuch als ein vielfältiges und aufschlussreiches Dokument der Filmproduktion liest. An konkreten Beispielen soll demonstriert werden wie Musik in Reischs Drehbüchern diverse Funktionen erfüllt. Zudem bietet die philologische Rekonstruktion der Genese der entsprechenden Filme mittels Drehbüchern in ihren zahlreichen Versionen die Möglichkeit die Musiknummern selbst und deren Verhältnis zur Narration neu zu denken.

S1.05: Colonial Matter, Decolonial Mudder. Zum Verhältnis von Medien und Materialien

Zeit: 15.30 – 17.30
Ort: Seminarraum S 58, Philosophikum; 60 Plätze

Chair: Andrea Seier (Universität Wien)

In „Die Verdammten dieser Erde“ von 1961 beschreibt Frantz Fanon, wie sich die koloniale Herrschaft trotz des vermeintlichen Endes über globale Handelsverbindungen weiterträgt. Für ein Projekt der Ent- oder Dekolonisierung schlussfolgert Fanon: «Man müßte womöglich ganz von vorne anfangen: die Art der Exporte und nicht nur ihre Bestimmungsländer ändern, den Boden und die Bodenschätze, die Flüsse und am Ende auch noch die Sonnenstrahlung nach neuen Möglichkeiten durchforschen.» (1981, 82) Im Anschluss an Fanon fragen die Vorträge dieses Panels, auf welche Weise Rohstoffe in der Auseinandersetzung mit Kolonialgeschichte, der „Plantationoscene“ und deren Kontinuitäten sowie mit Dekolonisierung einbezogen werden können bzw. müssen. Dabei soll neben der Kolonialgeschichte der Ökonomie der Dialog zwischen Rohstoffen, Medientechnologien und Medientheorien eine Rolle spielen. Beispielhaft für diesen Dialog ist nicht nur das korrelierende Verhältnis von Form und Stoff, sondern die als Medialität zu verstehende Prozessualität des Materie-Werdens – mit all ihren Implikationen für die Dezentrierung weißer, westlicher (Medien-)Wissenskulturen.

In die medienwissenschaftliche Aufmerksamkeit Jahre drängen vermehrt die neo-/kolonialen Medienrohstoffe in ihren Eigenschaften wie Leiten, Isolieren oder Speichern und zeugen demnach von dem Double Bind «Medien als Natur» und «Natur als Medien» (Parikka 2015, 13). Auf unterschiedliche Weise ergänzen die Vorträge diese medienökologischen Erkundungen um das post/koloniale Wissen der Herstellung der vermeintlich «rohen» Stoffe.

Nicht zuletzt soll die Möglichkeit eines dekolonialen Materialitätsbegriffs zur Verhandlung stehen, der Dekolonisierung als ein nicht nur Menschen und Gesellschaft umfassendes Projekt ansieht, sondern die dafür zentralen Akteur_innen Boden, Mineralien und Energien inklusive ihrer Ästhetiken mit einbezieht.

Fanon, Frantz: Die Verdammten dieser Erde, Frankfurt 1981.

Parikka, Jussi: Geology of Media, Minneapolis 2015.

Beiträge des Symposiums

Im Word Energy Map von 1944 verwendet Buckminster Fuller den Begriff „energy slaves“ und stellt damit eine Analogie zwischen Energieverbrauch der Moderne und von Sklav_innen verrichteter Arbeit auf. Auf Technologien zuzugreifen, setzt die logistische Verfügbarmachung und technologische Kontrolle von fossilen und solaren Energiequellen voraus, welche dabei zu „inanimate slaves“ werden und strukturell den Platz der Sklav_innen auf den Plantagen und Haushalten einnehmen. Mit dem Begriff des „Plantagozän“ findet sich jüngst ein Begriff, der in die Debatte um das Anthropozän die Bedeutung von Kolonialismus und Sklav_innenarbeit einträgt, und nicht zuletzt an die mangelnde Aufmerksamkeit für die Extraktion und Mobilmachung eines gigantischen Stoffumsatzes der Moderne erinnert. Mit der Fokussierung auf die Sklav_innenplantage als Modell und Motor der Moderne beschreibt das Plantagozän eine radikale Form der Entfremdung und Vereinheitlichung, welche Mineralien, Pflanzen, Pilze, Menschen und Mikroben gleichermaßen umfasst. Der Begriff der „energy slaves“ zeigt diese verzahnte Genealogie an, die sich zwischen dem privilegierten Zugang zu Energie und Rohstoffen (vgl. Wenzel 2017, 12) einerseits und anderseits der „massive avoidance of imperialism“ in der Forschung europäischer Geschichte (Said 1994, xv) aufspannt. Dabei zeigt sich jedoch, dass Projekte der Sichtbarmachung des geopolitischen Energiekomplexes an ihre Grenzen stoßen. Mein Vortrag setzt im Zwischenbereich an, erstens Energierohstoffe für kolonialgeschichtliche Fragen mehr Bedeutung zu zuschreiben, und zweitens auszuloten, wie eine „terrestrische Medienökologie“ als relationaler Ansatz zum Einsatz kommen kann (vgl. Löffler/ Sprenger 2015, 12). Wenn das Plantagozän bedeutet, Beziehungen zu kappen, um Menschen und Nichtmenschen zu Ressourcen zu machen, versuche ich mittels eines medienökologischen Ansatzes den Gegenstand der Energien in seinen Relationen zu denken, also Energien nicht primär als Ressource, sondern in ihren Energiebeziehungen zu verstehen.

Said, Edward: Culture & imperialism, London 1994.

Wenzel, Jennifer: Introduction. In: Fueling culture. 101 words for energy and environment New York 2017, S. 10-23.

Haraway, Donna, Noboru Ishikawa, Scott F. Gilbert, Kenneth Olwig, Anna L. Tsing: Anthropologists Are Talking. About The Anthropocene, in: Journal: Ethnos: Journal of Anthropology 2015.

Löffler, Petra/ Sprenger, Florian: Medienökologien. Einleitung in den Schwerpunkt, in: Zeitschrift für Medienwissenschaft, Nr. 14, 2016.

„It matters what matters we use to think other matters with.“ (Haraway, 2016)

In dem Essay Die gestorben sind, sind niemals fort schreibt Bonaventure Soh Bejeng Ndikung, dass es ein neues Verständnis der Objekte brauche. Sie als Subjekte zu verstehen „erfordert eine radikale Abkehr von der westlichen Vorstellung von Subjektivität, Menschsein und Gemeinschaft und eine ebenso drastische Verschiebung des westlichen Verständnisses von Kunst, Autorschaft und Gesellschaft, sowie eine tiefgreifende Rekonfiguration der Vorstellung davon, was es bedeutet, ein Mensch zu sein“ (Ndikung, 2018: 23). Ndikung, der sich hier auf die sich unrechtmäßig im Besitz westlicher Institutionen befindlichen Artefakte sowie menschlichen Schädel und Skelette nichteuropäischer Provenienz bezieht, fordert die Anerkennung der Objekte als Inkarnationen und Verkörperungen von Vorfahren sowie als rituelle Wesen, die die Fähigkeit haben zu heilen. Eine Forderung, die unmissverständlich dazu führen müsse, die im Kontext von Kolonialität (Quijano, 2016) geraubten und geplünderten ‚Objekte’ zu repatriieren. Den Ansatz, Objekte als Inkarnationen und rituelle Wesen zu betrachten, möchte ich im Rahmen meiner Auseinandersetzung mit dem Post-Internet-Art-Video-Essay Deep Down Tidal (2017) der französisch-guayanesischen Künstlerin Tabita Rezaire auf Materialien beziehen, die im Zuge des digitalen Kolonialismus verobjektiviert werden und dennoch die Fähigkeit haben, die kolonialen Wunden der Natur zu heilen (Mignolo 2013). Materialien, die die neokolonialen Bedingungen von Kommunikationsindustrie darstellen, sind nicht nur in der Lage, den Mythos der Dematerialisierung des Internets zu entlarven, sondern eine Medienökologie dekolonialer Heilung zu bilden. Dabei spielt Open Access ebenso eine Rolle wie die reinigende Kraft der AestheSis von Tanz.

Donna Haraway: Staying with the trouble, Making Kin in the Chthulucene, Durham/London 2016: 12.

Bonaventure Soh Bejeng Ndikung: Die gestorben sind, sind niemals fort. Über die Aufrechterhaltung der Vorherrschaft, das Ethnologische Museum und die Verstrickungen des Humboldt-Forums, Berlin 2018: 23.

Aníbal Quijano: Kolonialität der Macht, Eurozentrismus und Lateinamerika, Wien/Berlin 2016 (2000).

Walter Mignolo: Decolonial AestheSis: Colonial Wounds/Decolonial Healings, in: Social Text Online 15. Julia 2013,

In Baumwolle treffen sich nicht nur Geschichten der Industrie- und Handelsgeschichte, der Textilkultur und des Kolonialismus – genauer gesagt: in Stoff, mit seiner Doppelbedeutung von Pflanzenteil, Textilrohstoff und bereits gewobenem Tuch, von cotton und cloth. Denn in diesem Stoff treffen sich außerdem modellhaft Funktionen, die wir ansonsten für ‚Medien‘ diskutieren: Er zirkuliert selbst und er lässt Botschaften zirkulieren, er lässt sich als Medium und als Form fassen, und er ist eine Verkörperung von Wert – denn Baumwolle fungierte lange auch als Zahlungsmittel im transatlantischen Handel, als Protogeld schon ab dem 4. Jahrhundert, aber ab dem 17. Jahrhundert zahlte man in einer extrem entmenschlichenden Volte der kapitalistischen Akkumulation für Menschen mit Baumwolle, die wiederum für den Baumwollanbau millionenfach versklavt wurden. Der Begriff der „Plantationocene“ (Haraway, Tsing) umfasst die Sklaverei. Die Mucken der Ware, die Verwandlung von Materie in leere Äquivalente, die vertrackten Verhältnisse von hyle und morph, Biomasse und Gewobenem, von Materialität und Form, all diese Denkformate bekamen es hier mit der Zeit als immateriellem Medium zu tun: Als Teil des globalen Kreditwesens entstand Stoff als Wette auf die Zukunft. Wo Butler in Aristoteles die Verschränktheit von Materialität und Signifikation las, Luhmann und andere zwischen Potentialität und Aktualität von Materie und Form unterschieden, ist heute zu fragen, wie sich systemtheoretische Medium-Form-Unterscheidungen und machtanalytische postkoloniale Theorie zur Baumwolle verhalten.

Baucom, Ian: Specters of the Atlantic. Finance Capital, Slavery, and the Philosophy of History, Durham, London 2005

Beckert, Sven: King Cotton. Eine Geschichte des globalen Kapitalismus, München 2015

Haraway, Donna: Anthropocene, Capitalocene, Plantationocene, Chthulucene: Making Kin, in: Environmental Humanities, vol. 6, 2015, 159-165

S1.06: Materialität und Differenz in filmischen Bewegungsbildern

Zeit: 15.30 – 17.30
Ort: Seminarraum S 69, Philosophikum; 32 Plätze

Chairs: Tullio Richter-Hansen (Johannes Gutenberg-Universität Mainz), Sabine Nessel (Freie Universität Berlin)

Das Panel erkundet die Beziehung von Materialität und Differenz anhand von Verflechtungen, Verstrickungen oder Verschachtelungen von Differenzen. Ausgehend von traditionell vornehmlich als Einzelphänomene gedachten Konzepten wie Geschlechterdifferenz, ethnische Differenz und anthropologische Differenz werden in den drei Beiträgen des Panels materiell-semiotische Konstellationen vorgestellt und diskutiert, die je spezifisch an der Herausbildung von Differenzen mitwirken. Unter anderem in Rückbezug auf Donna Haraways Konzept der „Figurationen“, das einen interessanten theoretischen Horizont zur Betrachtung von materiell-semiotischen Konstellationen und Kreuzungen liefert, sollen folgende Fragen aufgeworfen werden: Wie lassen sich traditionell (post-)strukturalistische Ansätze zur Differenz mit Blick auf Materialität weiterdenken? Inwiefern können materielle, kontextbezogene oder produktionslogische Dimensionen in traditionell ausgehend von Bild- oder Blickstrukturen entworfene Differenzen intervenieren? Wie lässt sich eine solche Überlagerung von semiotischen und materiellen Dimensionen methodisch fassen? – Natalie Lettenewitsch fragt in ihrem Panelbeitrag, welche Funktionen aquatische und terrestrische Tiere in BBC-Naturdokumentationen einnehmen, und wie diese zur technischen Materialität der Produktion ins Verhältnis gesetzt werden; Tullio Richter-Hansen rückt die Frage der Materialität am Beispiel filmischer Sportdarstellungen und ausgehend von Donna Haraways Figurationen-Begriff in den Fokus; und Sabine Nessel zeigt am Beispiel des klassischen Women’s Film wie Geschlechterdifferenz und anthropologische Differenz (Mensch-Tier-Differenz) sich ausgehend von Materialität und Produktionskontext miteinander verbinden.

Beiträge des Symposiums

Mittels der vorgeschlagenen Fokussierung auf Materialitäten tritt die Produktion bzw. Gewordenheit von traditionell im Sinne der (Einzel-)Differenz konzipierten Bereichen wie female/male, animal/human oder nature/culture in den Blick – nicht ohne ihre Geschichtlichkeit gleichsam zu vergegenwärtigen. Der Panelbeitrag stellt erstens Überlegungen zu einer Revision des im (post-)strukturalistischen Paradigma etablierten, feministisch-psychoanalytischen Diskurses zum klassischen Women’s Film der 1930er und 1940er Jahre an. Anstelle einer in diesem Diskurs vorherrschenden Bezugnahme auf die Einzeldifferenz male/female, wird der Fokus anhand von produktionstechnischen Details auf die materielle Dimension als Teil der Bedeutungsproduktion verschoben und von der Produktivität einer Differenzvielheit ausgegangen. Als zentrale Referenz dient der Film Blonde Venus (USA 1932) des Schauspielerinnen-Regie-Duos Marlene Dietrich / Josef von Sternberg, der im kultur- und filmwissenschaftlichen Diskurs, insbesondere feministische- und queere Filmtheorie (u.a. Studlar 2007, Staiger 2000, Kuzniar 2007) und Postcolonial Studies (Ngai 2006), höchst unterschiedliche Perspektivierungen hervorgebracht hat. Mit Blick auf eine Schlüsselszene aus Blonde Venus, in der eine Gorilla-Performance sich mit dem Auftritt des weiblichen Stars verbindet, öffnet sich das Genre des klassischen Women’s Film in Bezug auf zeitgenössische Hollywoodproduktionen wie z.B. Dawn of the Planet of the Apes (USA 2014). Obgleich unter veränderten Produktionsbedingungen, überlagern sich auch darin Einzeldifferenzen wie female/male, animal/human oder nature/culture und eröffnen so einen Horizont auf eine historisch anhaltende Differenzvielheit.

Alice A. Kuzniar (2007): “Reading for a Queer Marlene”.In: Gerd Gemünden, Mary R. Desjadins (eds.): Dietrich Icon, Durham/London: Duke University Press, p. 239-258.

Sianne Ngai (2006): “Black Venus, Blonde Venus”.In: Douglas Mao, Rebecca Walkowitz (eds.): Bad Modernisms, Durham: Duke University Press, p. 145-178.

Janet Staiger (2000): Perverse Spectators. The Practices of Film Reception, New York University Press: New York/London, p. 77-92.

Gaylyn Studlar (2007): “Marlene Dietrich and the Erotic of Code-Bound Hollywood”. In: Gerd Gemünden, Mary R. Desjadins (eds.): Dietrich Icon, Durham/London: Duke University Press, p. 211-238.

„It matters which figures figure figures.“ Mit dieser – vermeintlich – verspielten Phrase Donna Haraways (2016) sind drei Ebenen angesprochen, um die es in diesem methodolo-gisch orientieren Panelbeitrag gehen soll. Erstens ist dies das Konzept der Figuration (Haraway 1997), das sich auf vielfältige Manifestationen relationaler Vernetzungen bezieht. Daran lässt sich aus Sicht einer transdisziplinären Differenzforschung anknüpfen, um Ver-hältnisse unterschiedlicher Dimensionen von Differenz (Gender, ‚Race‘, Class etc.) zu un-tersuchen. Zweitens benennt „matter“ in doppeldeutiger Weise das feministische Insis-tieren einerseits auf die Bedeutung konkreter Figurationen, andererseits auf deren Materialität. Dieser Aspekt kann an Judith Butlers „Bodies That Matter“ (1993) rückgebunden werden, weist in posthumaner Perspektivierung (Braidotti 2013) aber nunmehr über die Körper des Anthropos hinaus. Drittens sind die Arten und Weisen gemeint, wie diese Re-lationalität überhaupt zustande kommen. Während sich Haraway hier wiederholt dem sportlichen Bereich widmet, bilden mediale und ästhetische Fragen eine auffallende Leerstelle ihrer materiell-semiotischen Vorgehensweise.

Darauf antwortet der Beitrag mit Überlegungen zur primär filmwissenschaftlichen Erforschung medialer Darstellungen von Sport. Diese als Differenzfigurationen zu denken und analysieren, ermöglicht es, mit einem historischen Blick die differenzlogischen Konstitutionen von Film und Sport konvergieren zu lassen. Daran schließt die Frage an, ob der Zugriff auf den Sportfilm als Genre erfolgt oder vielmehr auf den Filmsport als Ästhetik. Letzteres verspricht, Verflechtungen von Film, Sport und Differenz als Figurationen zu begreifen. Dadurch können filmsportliche Instanzen auf ihre medialen und materiellen Implikationen hin befragt werden, was schließlich anhand konkreter Materialbeispiele verdeutlicht wird.

Rosi Braidotti (2013): The Posthuman. Cambridge/Malden.

Judith Butler (1993): Bodies That Matter. On the Discursive Limits of „Sex“. London/New York.

Donna Haraway (1997): Modest_Witness@Second_Millenium […]. New York/London.

Donna Haraway (2016): Staying with the Trouble. Making Kin in the Chthulucene. Durham/London.

Naturdokumentarfilme, nach einer Feststellung von Scott MacDonald (2009) in der Filmwissenschaft lange Zeit sträflich ignoriert, verhandeln offensichtlich die anthropologische Differenz zwischen Mensch und Tier – aber auch die Geschlechterdifferenz und andere Relationen, die sie mit hervorbringen, stabilisieren oder rekonfigurieren. Diese grundlegenden Positionierungen stehen im Widerspruch zur scheinbaren Abwesenheit historischer und politischer Dimensionen im Gegenstandsbereich des „Natürlichen“. Eine weitere Paradoxie ist die Fiktion von Ursprünglichkeit und Unmittelbarkeit jenseits menschlicher und medialer Einwirkung, welche die Filme mit erheblichem Aufwand ästhetisch modellieren. Aufnahmetechnologien werden aber zugleich offensiv ausgestellt und in immer neuen Überbietungsgesten zum Teil der Erzählungen. Auch jenseits der Repräsen-tationsebene stehen Film, Technologie und Natur dabei in enger Verschränkung, die mit Blick auf ihre Materialitäten hervortritt.

Zuspitzen lässt sich dies anhand des naturdokumentarischen Unterwasserfilms, der besonders durch seine komplexen Produktionsbedingungen geprägt ist – aber auch durch die starke symbolische Aufladung der Meerestiefe als andere Welt, als „radically different“ (Starosielski 2012), und zugleich als Raum, in dem sich Grenzen und Differenzen vermeint-lich auflösen. Meer und Meerestiere haben große Attraktion auch in der Theorie entfaltet, als „medium of all media“ (Durham Peters 2015) und auf andere Weise in Haraways Begriff „Tentacular Thinking“ (2016), der materiell-semiotische Konstellationen fassen versucht. Nachgehen möchte ich Figurationen von Filmtieren am Beispiel der populären Dokumentationsserien des BBC Natural History Unit, „Planet Earth“ und „The Blue Planet“. Anhand von Fischen, die Werkzeuge gebrauchen, Praktiken der Kooperation zwi-schen Spezien, geschlechtlichen Transformationen und Match Cuts zwischen Quallen und Plastiktüten werden Differenzverhältnisse hier neu befragt.

Sean Cubitt (2005): Eco media. Amsterdam: Rodopi.

John Durham Peters (2015): The marvelous clouds. Toward a philosophy of elemental media. Chicago, London: The University of Chicago Press.

Donna Jeanne Haraway (2016): Staying with the trouble. Making kin in the Chthulucene. Durham (N.C.), London: Duke University Press.

Scott MacDonald (2009): Up Close and Political: Three Short Ruminations on Ideology in the Nature Film. In: Scott MacDonald: Adventures of perception. Cinema as exploration: essays/interviews. Berkeley: University of California Press.

Nicole Starosielski (2012): Beyond fluidity: a cultural history of cinema underwater. In: Stephen Rust, Salma Monani, Sean Cubitt (Hg.): Ecocinema Theory and Practice. New York: Routledge, S. 149-168.

S1.07: Medien / Materialitäten / Institutionen

Zeit: 15.30 – 17.30
Ort: Seminarraum S 91, Philosophikum; 69 Plätze

Präsentationen

Diskussionen der zeitgenössischen Sozial- und Kulturtheorie, die unter Begriffen wie „Materielle Wende“, „Neuer Materialismus“ oder auch „Post-Repräsentationalismus“ geführt werden, haben auch ihren Niederschlag in den Medienwissenschaften gefunden; wo sie teilweise auch ihren Ausgang genommen haben. Medien-Materialität wird dabei als andere Seite des Inhalts- und Bedeutungsbegriffs, als Logozentrismus-Kritik, als Widerständigkeit des menschlichen, aber auch nichtmenschlicher Körper und als Wiederentdeckung der menschlichen Sinne und Affekte sowie der Affordanzen der Medientechnologien verstanden. Einer neomaterialistischen Medienforschung geht es insbesondere um die Herausstellung der Vielfalt der Materialität, ihrer Transformationsfähigkeit und ihrer Umstrittenheit. Dabei richtet sie ihr Augenmerk auf die Praktiken, Materialitäten und Affekte, die Medialität von Kommunikation jenseits von menschlicher Intentionalität, technischer Operationalität und sozialer Semiotik ausmachen. Medien in ihrer Materialität, Performativität und Affektivität als die andere Seite ihrer Bedeutungs-, Text- und Repräsentationsebene zu verstehen, heißt sie als mattering matter ernst zu nehmen – dies führt von der Erforschung von Einzelmedien, von der Fokussierung auf Inhalte oder auf Medien als körperlose Institution weg. So lassen sich auch in den Medienwissenschaften eine Reihe von Ansätzen nennen, die die Materialität digitaler Medien und Kultur herausstellen. Sie verstehen Digitalisierung als materiellen Prozess entgegen dem immer noch populären Mythos der Virtualisierung durch Digitaltechnologien. Der Vortrag thematisiert das Programm einer neomaterialistischen Medienforschung nach einer theoretischen Verortung im Material Turn der Sozial- und Kulturtheorie und verdeutlicht sie anhand von Beispielen v.a. digitaler Medienkultur.

„It matters which figures figure figures.“ Mit dieser – vermeintlich – verspielten Phrase Donna Haraways (2016) sind drei Ebenen angesprochen, um die es in diesem methodolo-gisch orientieren Panelbeitrag gehen soll. Erstens ist dies das Konzept der Figuration (Haraway 1997), das sich auf vielfältige Manifestationen relationaler Vernetzungen bezieht. Daran lässt sich aus Sicht einer transdisziplinären Differenzforschung anknüpfen, um Ver-hältnisse unterschiedlicher Dimensionen von Differenz (Gender, ‚Race‘, Class etc.) zu un-tersuchen. Zweitens benennt „matter“ in doppeldeutiger Weise das feministische Insis-tieren einerseits auf die Bedeutung konkreter Figurationen, andererseits auf deren Materialität. Dieser Aspekt kann an Judith Butlers „Bodies That Matter“ (1993) rückgebunden werden, weist in posthumaner Perspektivierung (Braidotti 2013) aber nunmehr über die Körper des Anthropos hinaus. Drittens sind die Arten und Weisen gemeint, wie diese Re-lationalität überhaupt zustande kommen. Während sich Haraway hier wiederholt dem sportlichen Bereich widmet, bilden mediale und ästhetische Fragen eine auffallende Leerstelle ihrer materiell-semiotischen Vorgehensweise.

Darauf antwortet der Beitrag mit Überlegungen zur primär filmwissenschaftlichen Erforschung medialer Darstellungen von Sport. Diese als Differenzfigurationen zu denken und analysieren, ermöglicht es, mit einem historischen Blick die differenzlogischen Konstitutionen von Film und Sport konvergieren zu lassen. Daran schließt die Frage an, ob der Zugriff auf den Sportfilm als Genre erfolgt oder vielmehr auf den Filmsport als Ästhetik. Letzteres verspricht, Verflechtungen von Film, Sport und Differenz als Figurationen zu begreifen. Dadurch können filmsportliche Instanzen auf ihre medialen und materiellen Implikationen hin befragt werden, was schließlich anhand konkreter Materialbeispiele verdeutlicht wird.

Rosi Braidotti (2013): The Posthuman. Cambridge/Malden.

Judith Butler (1993): Bodies That Matter. On the Discursive Limits of „Sex“. London/New York.

Donna Haraway (1997): Modest_Witness@Second_Millenium […]. New York/London.

Donna Haraway (2016): Staying with the Trouble. Making Kin in the Chthulucene. Durham/London.

Das Internet ist ein Ort der Bilderzirkulation und des Bildertauschs auf globaler Ebene. Journalistische Redaktionen und Unternehmen wollen nur wenig Geld für die Bebilderung investieren; a) haben sie ein begrenztes oder gar kein Budget für Fotos, Filme, Grafiken etc., b) gelten Bilder durch ihre scheinbar unbegrenzte Verfügbarkeit als nutzbar, entgegen klassischer Urheber- und Nutzungsrechte. Zugleich monetarisieren Firmen Daten, die sie durch Social Media-Nutzer zur Verfügung gestellt bekommen.

In der Forschung sind die Veränderungen auf dem globalen Markt der Bilder und deren Ökonomisierung im vergangenen Jahrzehnt vernachlässigt worden. Studien von Frosh (2001, 2003a,b), Bruhn (2003, 2007), Blaschke (2011, 2016), Gürsel (2012, 2016) und Solaroli (2016) untersuchen nicht die Auswirkungen von Social Media auf Produktionsbedingungen von Fotojournalisten, Fotoredakteuren und Fotoproduzenten; sowie den Einsatz künstlicher Intelligenz in der Bildauswahl.

Aufbauend auf empirischer Forschung (Leitfadeninterviews, Medienethnografie) über nicht-menschliche Fotokuration und die Algorithmierung von fotografischer Ästhetik diskutiert mein Beitrag die Erfordernis einer visuellen Ethik in der alltäglichen Medienpraxis, im journalistischen Bereich und in der wissenschaftlichen Forschung. Mein Beitrag verortet sich im Call for Papers vorgeschlagenen Bereich „Historische Im-/Materialitäten medialer Produktion und Rezeption“. Neben der „schöpferischen Handlungsmacht“ von Autor_innen, Programmierer_innen etc. – im weitesten Sinne Produzent_innen – fragt der Beitrag „Doing Digital Visual Ethics“ auch nach der Rolle von Wissenschaftler_innen und deren Möglichkeiten eines Praxis-Transfers in ethischen Fragen in die allgemeine Gesellschaft, auch vor dem Hintergrund einer zunehmenden Algorithmen-Kultur, die einerseits für Bürger_innen eine Black Box ist, andererseits zunehmend Entscheidungen bestimmt.

Diskurse zur „digitalen Bildung“ haben angesichts „der Digitalisierung“ Konjunktur. Einschlägige Beiträge dazu finden sich sowohl in politischen Papieren, wie dem KMK-Papier zur „Bildung in der digitalen Welt“ (2016), Forschungsförderprogrammen, Veröffentlichungen des Hochschulforums Digitalisierung, akademischen Papieren, wie der „Dagstuhl-Erklärung“ (2015) oder auch wissenschaftlichen Publikationen, beispielsweise aus der Medienpädagogik, der Informatik-Didaktik und vereinzelt auch aus der Medienwissenschaft. Der Fokus auf Digitalität verweist dabei einerseits auf etwas Immaterielles, insofern Digitalität auf der Ebene der Logik und des Symbolischen zu verorten ist, andererseits auf etwas sehr Materielles, insofern fast immer Computertechnologie gemeint ist. Im Vortrag werden exemplarische Diskursfragmente daraufhin analysiert, wie Medien-Materialitäten im Kontext „digitaler Bildung“ darin verortet werden, welche Bezüge explizit oder implizit zur Konstitution von Wissen, zu medienkulturellen Praktiken, zur Medieninhalten und zur Positionierung von Subjekten hergestellt werden – und welche nicht. Auf dieser Grundlage soll eine medienwissenschaftliche Kritik entwickelt werden, die die gefundene Bezüge bewertet und gleichzeitig Leerstellen und Desiderata aufzeigt, die durch medienwissenschaftliche Diskursbeiträge zu adressieren wären.

S1.08: Materielle Praktiken des Selbst

Zeit: 15.30 – 17.30
Ort: Seminarraum S 78, Philosophikum; 63 Plätze

Präsentationen

Im Kontext aktueller Diskussionen zu digital transformierter und transformierender Sinnlichkeit, Taktilität und Ästhetik fragt der Beitrag – ausgehend von McLuhan (1964) – empirisch nach der Körperlichkeit digitaler Praxis im alltäglichen Mediengebrauch von Familien. Aus einer ethnomethodologischen Perspektive auf techno-soziale Interaktion mit Kindern wird deutlich, wie Agency und Anwesenheit durch und zwischen medialen Infrastrukturen und Körpern vermittelt und wie diese wechselseitig verfertig werden. Datengrundlage bildet mehrjährige ethnographische Feldforschung im Projekt „Frühe Kindheit und Smartphone“ (am SFB-1187: „Medien der Kooperation“), das sich u.a. dafür interessiert, wie (neue) Medien und mobile Kommunikation gegenwärtigen Familienalltag hervorbringen und soziale Formen des Umgangs mit Materialität, Raum und Zeitlichkeit (re-)konfigurieren.

Interaktionen mit Kindern zeichnen sich durch eine besondere Relevanz von Intimität und Körperlichkeit aus, wobei Handlungsvollzüge und Medienpraktiken selten auf etablierte Routinen und Kulturtechniken zurückgreifen können, die auf unterschiedliche Arten und Weisen erst erlernt werden. Somit lassen sich an technisch vermittelten Kommunikationsformen mit Kindern, deren Fragilität und potentielle Krisenhaftigkeit sowie die Einübung von praktischen Lösungen fassen. Inwiefern erreicht bspw. der über Skype gesendete Abschiedskuss der Oma die Nase des Neffen? Wie wird das Geburtstagsständchen des abwesenden Vaters bedeutsam? Oder wie gelingt es der Mutter das weinende Kind via Facetime zu trösten? Dabei wird deutlich wie Agency und deren Zuschreibungen den Standort wechseln kann, wie Anwesende mediale Infrastrukturen stabilisieren und erweitern, und wie Körperlichkeit und Aufmerksamkeit in situ eingebettet und interkorporal verteilt werden können. Mit der Interkorporalität digitaler Praxis bietet der Beitrag abschließend auch eine theoretische Perspektive auf die Verhältnisbestimmung digitaler Medien-Materialitäten.

As of this year, the conglomerate Samsung announced that their latest smartphone model is capable of holding up to 1 terabyte of internal storage – exceeding previous technological boundaries of the smartphone industry. Whereas limitations of storage capacity were frequently noticeable to the user through error messages when the limit was reached, the continuous increase in capacity, as a process of the technology’s progress, makes it no longer necessary to grasp how much data can fit on a terabyte, for this amount of storage space will not be likely to restrict a user’s data preservation in any way. Then, what does this seemingly infinite storage possibility mean to practices of gathering and preserving data on the mobile device? This talk will be concerned with archival practices of the smartphone and their technological requirements against the backdrop of such a „dematerialized perception of storage“ (Kirschenbaum 2008: 5) and subsequently misconceptions on the alleged permanence of digital memory (cf. Chun 2011). Before looking into practices of creating a mobile and digital memory through built-in software and third-party applications, the technological side of the smartphone’s (non-)volatile memory will be examined, not only to acknowledge the interdependence between social and technical relations, but also to understand and describe how an assemblage of technical elements is embedded in its surroundings, or better said, the Simondonian milieu. Ascertaining that the smartphone’s memory technology does not necessarily provide infinite endurance, despite its seemingly infinite capacity, questions regarding possible challenges of documenting the self with a smartphone will stand in focus.

Remote Work, Freelancing und die konkurrierenden Entrepreneure des Startup-Booms stellen die vorläufigen Höhepunkte einer immateriellen Wissensökonomie dar, die ein ausgeprägtes Selbstmanagement nicht selten zur Erfolgsbedingung macht. Einige dieser Managementtechniken basieren auf dem Tracking der eigenen Gesundheit oder Arbeitsleistung. Vor allem in der soziologischen Auseinandersetzung mit derartigem Self-Tracking werden zumeist Thesen einer kontinuierlichen Verwissenschaftlichung von Selbstbezügen vertreten. Die offenkundige Bedeutung, die unkonventionellen und künstlerischen Selbstexperimenten dabei zukommt läuft vergleichsweise einseitig argumentierenden Rationalisierungsthesen allerdings sichtlich entgegen.

Ob Balkendiagramme aus handbemaltem Holz, gehackte Fitnessarmbänder oder Self-Tracker*innen (die als Hommage an Personal-Growth- und Ökologie-Semantiken) die Lichtversorgung ihrer Zimmerpflanze computergesteuert von ihrer Arbeitsleistung abhängig machen – es wird schnell deutlich, dass viele der Self-Tracking-Experimente auch einem „Datataining“ nach Maßgabe moderner Aufmerksamkeitsökonomien verpflichtet scheinen, das auf der Transformation immaterieller Zeichensysteme in materielle Dinge basiert.

Ziel des Beitrags ist es, eine vermittelnde Perspektive zwischen soziologischen Rationalisierungsthesen und einer medienwissenschaftlichen Theoretisierung der künstlerischen Dimension des Self-Trackings einzunehmen und es als Strategie zu beleuchten, durch die zwar einerseits Probleme des arbeitsstrukturellen Wandels kompensiert werden, durch die aber andererseits, gemäß eines zur Norm erhobenen Klimas der Kreativität, Ideenreichtum und elaborierte Problemlösungsfähigkeiten praktisch unter Beweis gestellt werden.

Während seiner Krebserkrankung (2008-2010) probierte der Theater-, Film- und Aktionskünstler Christoph Schlingensief intensiv verschiedene Medien und Praktiken der Selbstdokumentation: Tägliche mündliche Tonaufzeichnungen und ein sogenanntes „Krebstagebuch“ entstanden, ein Weblog, sowie ein öffentliches Selbsthilfe-Onlineforum. Diesen Materialien ist ein hohes Bewusstsein für ihre eigene Medialität eingeschrieben: Schlingensiefs Aufzeichnungstechniken erweisen sich nicht als private Medien der Selbstsorge, sondern richten sich gegen die Sprachlosigkeit des Sterbens. Dokumentiert wird ein Gesundheitszustand, der prekär ist, und ebenso unsicher sind die entstehenden Selbstdokumente. Interessant ist, dass sie sich mit Schlingensiefs ästhetischen Praktiken verschränken – sie kreisen um eine Frage: Kann Kunst heilen? Autobiographische Materialien migrieren in die Theater- und Videoarbeiten des Künstlers, Super8-Homevideos werden überblendet mit Re-Enactments der ästhetischen Heilsprogramme der Avantgarden, wie bspw. Joseph Beuys‘ Credo ,Zeige deine Wunde’. Beuys‘ Konzept der »Sozialen Plastik« informiert Schlingensiefs Wunsch, ein sogenanntes „Operndorf Afrika“ in der Provinz Burkina Fasos zu gründen: Dieses Projekt stiftet den Mythos, das »Operndorf« könne das Theater als Heilsanstalt wiederentdecken – und die an der Moderne erkrankte, dekadente Zivilisation Europas heilen. Ästhetik und (Selbst)Therapeutik greifen ineinander. Schlingensiefs Selbstsorgepraxis verschränkt sich mit der biopolitischen Geschichte moderner, ästhetischer Heilsprogramme und lässt deren koloniale Signatur sichtbar werden. Am Beispiel dieser Materialien rücken die historisch, politisch, und medientechnisch spezifischen Zusammenhänge von (Selbst)Sorge und moderner, ästhetischer Heilsanleitung in den Blick. Der Vortrag versucht eine Analyse dieses Zusammenhangs mit Blick auf die Verknüpfung von ästhetischen Konzepten, medialen Selbsttechniken und modernen Heilsprogrammen.

S1.09: Display Studies – Zur Ästhetik, Medialität und Epistemologie der Vitrine

Zeit: 15.30 – 17.30
Ort: Seminarraum S 73, Philosophikum; 36 Plätze

Workshop-Vorschlag im Kontext des Forschungszweigs „Archive und Museen“

von Prof. Dr. Thomas Hensel (Hochschule Pforzheim, Deutschland)

Trotz oder gerade wegen der zunehmenden Digitalisierung musealer Exposition und Rezeption erleben Ausstellungshäuser gegenwärtig eine Rückbesinnung auf das Objekt, die sich als eine (Re-)Auratisierung der Materialität von Artefakten beobachten lässt. Medien dieser Auratisierung sind diverse Displays, deren geläufigstes und prominentestes die Vitrine ist. Wenn die Medienwissenschaft sich Dingen annähert, erfolgt dies oftmals in einer literaliter wie figuraliter zu verstehenden Auseinandersetzung mit der Vitrine als einem Ding eigenen Rechts. Wird etwa die Kunstgeschichte ins Kalkül gezogen, kommt der Vitrine und ihrer reflektierten Brechung nicht selten gar eine das Kunstwerk erst eigentlich konstituierende Funktion zu, sei es zum Beispiel in der Installationskunst (bei Joseph Beuys oder Damien Hirst), im Film („Nachts im Museum“, 2006/2009/2014) oder auch im Computerspiel („The Evil Within 2“, 2017).

Der Workshop befragt erstmalig die Ästhetik, Medialität und Epistemologie der Vitrine und verwandter Displays in verschiedenen Hinsichten; seine Fragestellung ist situiert in der Schnittmenge von Kunstwissenschaft, Museologie, Medienwissenschaft und Wissenschaftstheorie. Kunstwissenschaftlich orientiert er sich an Befunden zur ästhetischen Grenze, konkret zum Rahmen des Bildes (Duro), museologisch an Beobachtungen zur Inszenierung von Expositionen (Klein; Holten), medienwissenschaftlich an Überlegungen zum Gehäuse als medialer Einkapselung (Bartz/Kaerlein/Miggelbrink/Neubert) und wissenschaftstheoretisch an Reflexionen zum Schrank als epistemischem Möbel der Wissenschaften (Heesen).

Vorgesehen sind Vorträge etwa zur Geschichte und Systematik der Vitrine, zur Funktion der Vitrine als „Werkzeugobjekt“ (Heinisch), als „Monstranz der Moderne“ (Klein) oder ihrerseits als Exponat, zur Vitrine als ästhetischem Experiment oder zur Vitrine als epistemischem Ding. Damit verspricht der doppelte Fokus des Workshops – einerseits auf Dinge, die zu sehen gegeben werden, und andererseits auf Dinge, die zu sehen geben – potenzierte Aufschlüsse über die Medialität des Displays und dessen allzu oft invisibilisierten, ignorierten und strukturell ausgeblendeten materiellen Fundamente.

Zitierte Literatur:

Bartz, Christina/Kaerlein, Timo/Miggelbrink, Monique/Neubert, Christoph (Hg.): Gehäuse: Mediale Einkapselungen, Paderborn 2017.

Duro, Paul (Hg.): The rhetoric of the frame. Essays on the boundaries of the artwork, Cambridge 1996.

Heesen, Anke te/Michels, Anette (Hg.): auf\zu. Der Schrank in den Wissenschaften, Berlin/Boston 2007.

Heinisch, Severin: Objekt und Struktur – Über die Ausstellung als einen Ort der Sprache, in: Rüsen, Jörn/Ernst, Wolfgang/Grütter, Heinrich Theodor (Hg.): Geschichte sehen. Beiträge zur Ästhetik historischer Museen, Pfaffenweiler 1988, S. 82-87.

Holten, Johan (Hg.): Ausstellen des Ausstellens. Von der Wunderkammer zur kuratorischen Situation / Exhibiting the exhibition. From the Cabinet of Curiosities to the Curatorial Situation, Berlin 2018.

Klein, Alexander: EXPOSITUM. Zum Verhältnis von Wirklichkeit und Ausstellung, Bielefeld 2004.

Vorträge
Die Vitrine als Sparringspartner: zur relationalen Medialität des Displays
Dr. Britta Hochkirchen
(Universität Bielefeld)
 
Wissen im Quadrat. Zur Epistemologie gläserner Interfaces
Prof. Dr. Christof Windgätter
(University of Applied Sciences Europe, Campus Berlin)
 
Hinter Glas: Zum Auslegen und Nachstellen des VALIE EXPORT-Archivs
Dr. Ulrike Hanstein
(Friedrich-Schiller-Universität Jena)
Displaying the Display. Zum Verhältnis von Digitalisierung und 
Dinglichkeit bei der documenta 12 & 13
Nanne Buurman
(Kunsthochschule Kassel)

A04: Interfaces (For) Diffracting Publics: A Science-Humanities-Design Perspective for the Algorithmic Condition.

Eröffnungskeynote mit anschließendem Abendempfang

Zeit: 19.00 – 20.30
Ort: Hörsaal A1, Hörsaalgebäude; 597 Plätze

von Prof. Dr. Iris van der Tuin und Prof. Dr. Nanna Verhoeff

Moderation: Christiane König (Universität zu Köln)

Abstract

In this keynote, we will use an interdisciplinary perspective to respond to the popular understanding, often reproduced in scholarship, of how publics are simultaneously created by and co-creating algorithmic media. We diagnose that this understanding of the coming into being and functioning of ‘data publics’ is founded on an interpretation that positions the agency on the side of either the social or on the technical, or in their inter-relation. To this interpretation we want to respond with one that traverses this ​socio-technical constellation ​and the specificity of​ computation ​itself​, thereby focusing on the interface as an apparatus in, or of, which the ‘data subject’ is not confined in a ‘public’ but can be ​surprised​ beyond this bracket. After all, contingencies include outliers in the creation and understanding of often oppositionally constructed publics (Left vs. Right, Pro vs. Con) that must be theorized as ​quanta with binary-shattering quantum effects​. It is possible for such outliers to transverse the socio-cultural and political binaries reproduced in scholarship or to make a citizen ​think twice​.

We propose in our keynote an alternative interpretation of this bi-conditional process by bringing the perspective of diffractive reading (Minh-ha, Haraway, Barad, Van der Tuin) to algorithmic media with the help of interface theory (Drucker, Hookway, Verhoeff). Diffraction as a concept allows us to become precise about the “shift from an entity-based to an event-based conception of media [intended to] demonstrate the radically constitutive, co-dependent relations of complexity we overlook when we take a web of contingencies for a static, fixed, object of intellectual thought” (Drucker 2013: ¶30). Following those that theorize the process of computation itself as ​contingent​ (e.g. Fazi) helps us zoom in on ​agency in the algorithmic condition​ (Colman et al.) from a diffractive interface approach thereby combining science, humanities and design perspectives.

 

Bios

Nanna Verhoeff is Associate Professor at the Department of Media and Culture, Utrecht University. She is interested in comparative approaches to emerging and transforming screen and interface cultures, from pre- and early cinema to contemporary mobile media and urban screen technologies. In 2014 she founded the interdisciplinary research group [urban interfaces] at Utrecht University – a platform for research on location-based and mobile media, art and performance in urban public spaces. With her colleagues she edited a special issue for Leonardo Electronic Almanac on urban interfaces (2019).

Iris van der Tuin is professor of Theory of Cultural Inquiry at Utrecht University (Department of Philosophy and Religious Studies). As the chair of COST Action IS1307 New Materialism: Networking European Scholarship on ‘How Matter Comes to Matter’ (2014-18) Van der Tuin has developed a network of over 150 European scholars and colleagues from Australia and South Africa, all of them sharing an interest in bridging the humanities and the natural sciences for global challenges today. Her publications address new materialism and naturecultures, generational feminism and diffractive reading.