Konzept

Medien-Materialitäten

Im Zentrum der Jahrestagung steht die Frage nach dem Zusammenspiel von Medien und Materialitäten. In einem Zeitalter, das maßgeblich von kultureller, technischer und ökonomischer Konvergenz geprägt ist, rücken neben transmedialen auch transmaterielle Adaptionspraktiken in den Blick. Bedeutung wird nicht einfach übertragen, sondern obliegt neben den Anpassungen an ein bestimmtes Trägermaterial oftmals weiteren komplexen Aushandlungsprozessen. Aspekte der Sinnlichkeit und Wahrnehmung spielen dabei eine ebenso zentrale Rolle wie ihre technische Bedingt- und materielle Verfasstheit, welche nicht selten zwischen Persistenz auf der Ebene des Materials und Flüchtigkeit auf der Ebene der Performanz changiert.

Wenn sich Diskurse und Ideologien in Materialien einzuschreiben vermögen, Dinge Geschichten erzählen und Artefakte zum Auslöser von Handlungen werden, verdienen Medien und Materialitäten unsere wissenschaftliche Aufmerksamkeit. Sie sind dabei jedoch ebenso wenig und ausschließlich in einem isolierten Funktions- und Alltagskontext eingebettet, wie sie durch den wissenschaftlichen Zugriff unberührt bleiben. Indem Gegenstände durch eine bestimmte Begrifflichkeit kontextualisiert und im Sinne einer von uns selbst vorgenommenen Autopsie erst eine wissenschaftliche Evidenz zugesprochen bekommen, werden sie auch erst von uns zum Sprechen gebracht – was wiederum Fragen nach Methoden, Konzepten und Verfahren aufwirft, mit denen wir die Dinge betrachten:

Wie treten ›Wissensdinge‹ als Gegenstände, Objekte und Artefakte in Erscheinung?
Wie werden unsere Erwartungshaltungen an bestimmte Inhalte durch mediale Container und ihre spezifischen Einkapselungen geprägt?
Welche Rolle spielen materielle Präfigurationen und implizite Handlungsanweisungen, die einen
bestimmten Umgang mit einem medialen Objekt nahelegen?

Das Thema der Jahrestagung ist bewusst breit gewählt und lässt sich auf zahlreiche medienwissenschaftliche Forschungszweige übertragen, von denen im Folgenden nur einige wenige exemplarisch Erwähnung finden.

 

 

Historische Im-/Materialitäten medialer Produktion und Rezeption

Vor dem Hintergrund einer zunehmenden Medienkonvergenz durch digitale Technologien wird oft die These bemüht, dass bestimmte Vorstellungen von Einzelmedien rapide an struktureller Orientierungsleistung verloren hätten. Diese (streitbare) Diagnose ändert letztlich jedoch wenig an der ästhetischen Relevanz medialer Formen, die auch ›im Digitalen‹ fortbestehen. Mehr noch scheint die Digitalisierung die Frage nach der Materialität von Medien – und insbesondere nach den Mediengeschichten dieser Materialitäten – neu zu entfachen. So sind etwa Requisiten, Bühnenbilder oder Kostüme als Quellenmaterial nicht mehr nur als Spuren vergangener Aufführungen des Theaters zu verstehen. Die analytische Betrachtung ihrer materiellen Dimensionen lässt vielmehr Geschichten zum Vorschein kommen, die die markante theoretische und methodische Fokussierung auf die flüchtige Aufführungssituation unterlaufen und in Frage stellen. Dahingegen überführen Strömungen wie der strukturelle Film oder der Materialfilm kinematografische Materialitäten und Textilien ins Feld des Sichtbaren zurück, die, wie die Leinwand im Moment der Projektion, buchstäblich in den Hintergrund treten. Paratextuelle Manifestationen medialer Produktionsprozesse, wie Standbilder, Starporträts oder provisorische Skizzen, fungieren weniger als Substitute, sondern bringen als materielle Objekte auch differenzierte Praktiken der Sammlung, Aneignung und Überarbeitung einer breiteren (Fan-)Öffentlichkeit hervor, die wiederum einen stabilen Werkbegriff problematisieren. Nicht zuletzt wird die schöpferische Handlungsmacht von Autor*innen, Regisseur*innen, Programmierer*innen, Comiczeichner*innen usw. mit einem heterogenen Ensemble materieller und immateriellen Artefakte konfrontiert und kontrastiert, die Schreib- oder Zeichenwerkzeuge, die gebaute Umwelt von Produktionsstätten, lokale Arbeitsbedingungen sowie globale Diskurse medialer Kontrolle um Copyright oder Urheberrecht umfassen.

Medienökologie

Das medienökologische Erkenntnisinteresse gilt zugleich Medien als Umgebungen sowie der Medialität dieser Umgebungen und ihren allzu oft invisibilisierten, ignorierten und strukturell ausgeblendeten materiellen und stofflichen Fundamenten. Als materielle ›Rückseiten‹ der Medienfunktionen der Übertragung, der Speicherung und des Prozessierens sind technische Artefakte wie interkontinentale Seekabel, Sendemasten, Serverfarmen und Satelliten in einer ökologischen Lesart des Medialen für die globalisierten Dynamiken technischer Infrastrukturen dezidiert in den Blick zu nehmen. Doch auch die stoffliche Operationsgrundlage von Technik liegt im Sinne der Media Geology im Gegenstandsbereich medienwissenschaftlicher Forschung. Insofern ist der paradigmatische (Wieder-)Aufstieg des Ökologischen im Umfeld der Diskurse um das Anthropozän gerade in der Auseinandersetzung mit Medien und Materialitäten ein fruchtbarer Beobachtungszusammenhang. Hier rücken die medialen Repräsentationen von Umwelt, Klimawandel und übergeordneten Naturkonzepten in Film, Computerspiel, Comic etc. sowie die Medialität von Naturphänomenen in den Blick, die im Angesicht einer durch und durch technisierten Umwelt erscheinen. In Abkehr von einem fixen Objektbegriff gilt es hier den medialen Milieus und ihren Materialitäten nachzuspüren.

New Materialism und philosophischer Materialismus

Zwar führte die feministische Theorie seit ihren Anfängen eine rege Debatte über Körperlichkeit und Materialität, jedoch büßte jene Auseinandersetzung im Zuge des Lingustic Turn und einem aufstrebenden postmodernen Konstruktivismus stark an Bedeutung ein. In den vergangenen zwei Jahrzehnten erlebten Materie und Verkörperung innerhalb der queeren und feministischen Theorie eine Revitalisierung, ohne jedoch hinter differenzfeministischen Einsichten zurückzusinken oder sich von zentralen poststrukturalistischen und postmodernen Erkenntnissen generell abzuwenden. So zeichnet sich gegenwärtig ein disziplinübergreifendes Bemühen um ein radikales Überdenken von Weltverhältnissen ab, das binäre Gegensätze (Natur und Kultur, Materie und Geist, Menschliches und Nicht-Menschliches) unterläuft, indem ihre dynamischen Wechselbeziehungen ins Auge gefasst werden. Die Perspektive verschiebt sich dabei auf ein performatives Entstehen von Grenzziehungen durch materiell-diskursive Praktiken, wobei der Materie selbst eine aktive Teilhabe am stetigen Werden von Welt beigemessen wird. In dieser spannungsreichen Annäherung und Absetzung zu konkreten Materialitätsbegriffen bewegt sich ebenso der philosophische Materialismus, zu dem einige der maßgeblichen Denktraditionen auch der neuzeitlichen Auseinandersetzung mit Medien und Kultur zählen. Sie haben gemeinsam, dass sie eine einheitliche, materiell verfasste Welt voraussetzen, deren konkrete Realität weder ein medialer Apparat noch dessen Gebrauch oder Inhalt überbieten können. Dazu gehören insbesondere marxistische Theorien zur materiellen Bedingtheit der Produktion von Medien als Teil der Produktion des Menschen durch den Menschen, sowie ihre späteren Ausläufer in der kritischen Theorie bei Adorno und Horkheimer; sowie zu politischer und kultureller Hegemonialität bei Gramsci, zur diskursiven Bedingtheit bei Foucault, Butler und Rancière sowie unter ganz anderem Vorzeichen bei Žižek. Vor diesem Hintergrund sind aber auch der Materialitätsbegriff der Medientheorie McLuhans, der emanzipatorische Ansatz des New Materialism sowie benachbarte, bisweilen dezidiert anti-materialistische Monismen in der Semiotik und der Akteur-Netzwerk-Theorie neu zu befragen.

Archive und Museen

Zwar gehören Archive und Museen zweifelsohne zu den Orten, die auf den ersten Blick am deutlichsten von der Materialität der medialen Objekte, die sie beherbergen, geprägt sind. Allerdings erscheint erst mit der zunehmenden Digitalisierung von Sammlungen oder ganzen Ausstellungen in den letzten Jahren gerade diese Materialität wieder stärker in den Blick zu geraten. Digitalisierung führt hier nicht selten zu einer Neuverhandlung von Original und Kopie oder von Konzepten wie Aura und Authentizität. Die sinnliche Erfahrung des Digitalisats und die sinnliche Erfahrung des Originals stehen dabei oftmals in einem zwiespältigen Verhältnis von Nähe und Ferne. Zur sinnlichen Erfahrung des Originals ist scheinbar nicht immer die ›ursprüngliche‹ Materialität vonnöten, vielmehr setzen die digitalen Technologien dort an, wo die Bewahrungsfunktion und die Disziplinierungsaufgabe der Museen der sinnlichen Erfahrung der Objekte Grenzen setzen. Der 3D-Druck bspw. erlaubt es, Objekte anzufassen, die bisher nur in einer Glasvitrine angesehen werden konnten. Die Digitalisierung führt aber ebenso zu einer Rückbesinnung auf das Objekt. So betonen selbst Museen, die für ihren innovativen Einsatz von digitalen Medien bekannt sind, in ihren Ausstellungen stets die materielle Aura der präsentierten Artefakte.